Schreiben als Aktionskunst

by Martina

Für das Studierendenmagazin DURST (2/2013, Falter Verlag) habe ich ein Interview mit dem Historiker David Mayer übers Schreiben geführt.

Hatten Sie einmal Probleme mit dem Schreiben?

Mehr als einmal, vor allem am Ende meines Studiums. Bewältigt habe ich sie, als ich anfing, mich mit dem Thema Schreiben bewusst auseinander zu setzten. Dies hat vieles erleichtert, bis heute ist es aber ein oft mühsames Ringen geblieben. Leider wird oft vergessen: Nur einer kleinen Minderheit fällt es leicht, ein leeres Blatt zu füllen.

Was sind die größten Fehler, die Studierende beim Schreiben machen?

Den größten Fehler machen nicht die Studierenden, sondern die Universitäten. Dort wird so getan, als ob die Sprachausbildung mit der Matura beendet wäre. Indem aber das Schreiben und die Probleme damit Tabuthemen sind, wird die Abschlussarbeit für viele zur Tortur. Entweder weil (wie in den Naturwissenschaften) zum ersten Mal seit dem Schulabschluss wieder wirklich geschrieben werden soll, oder weil (wie bei geisteswissenschaftlichen Studien) Schreiben überhaupt eine zentrale, aber nicht ins Licht gerückte Kompetenz ist. DieAbschlussarbeit erscheint dann als  aufgeladener Passageritus. Viele Bachelor- und Masterarbeiten scheinen dann vor allem eine Botschaft zu transportieren: Bitte nur weg damit! Und: Nie wieder! Das ist das Ergebnis jahrelanger Tabuisierung.

Was sind nun Ihre Tipps für Studierende, die Probleme mit dem Schreiben haben?

Man kann hier drei Ebenen unterscheiden.
Methoden des Freimachens: Da wären erstens das „freie“ oder „wilde“ Schreiben. Das Schreiben wird hier quasi zur Aktionskunst. 80 Prozent von dem, was man mithilfe dieser Technik produziert, wirft man weg. Aber mit den restlichen 20 Prozent kann man weiterarbeiten. Wichtig ist auch das alltägliche Schreiben. Man legt sich zum Beispiel ein Schreibjournal an. Darin kann man Textbausteine formulieren, Ideen in den Griff bekommen oder einfach nur Gedanken notieren. Später helfen diese Notizen, um ein Thema zu entwickeln oder um ein Kapitel zu verfeinern.

Methoden, um einen vorhandenen Text zu vollenden. Das ist die Bereitschaft, am eigenen Text zu feilen. Leider wird dieser Schritt oft übergangen. In der Praxis heißt das: Man überprüft in mühsamer Kleinarbeit sprachliche Bilder, überarbeitet Stil und Formulierungen. Hilfsmittel dafür: Duden, Stilwörterbuch, Synonymlexikon. Und natürlich: Den Text von Freunden, Kollegen, Familie gegenlesen lassen.

Drittens, nicht zu unterschätzen, die Form: Wissenschaftliches Schreiben ist auch Handwerk, das seine Qualität durch inhaltliche und formale Genauigkeit beweist. Das heißt: Eine gute Arbeit erkennt der Betreuer auch an ihrer gelungenen Form. Man kann Formatieren und richtiges Zitieren durchaus ganz am Schluss machen. Dass das viel Zeit in Anspruch nimmt und auch nehmen sollte, darf man aber nicht vergessen.

Wenn ich eine längere Pause vom Schreiben an meiner Abschlussarbeit mache, z.B. wegen eines Praktikums, wie mache ich dann weiter?

Dabei kann ein Schreibjournal helfen. Es macht Sinn, dass man sich auch während des Praktikums mindestens zehn Minuten pro Tag mit der Arbeit auseinander setzt. Es genügt, einen Gedanken pro Tag im Journal zu notieren. Außerdem: Sich vor der Abreise bzw. vor Arbeitsbeginn einen Arbeitsplan für den „Wiedereinstieg“ machen. Dieser Plan kann z.B. eine Liste mit Dingen enthalten, die es am bisher Geschriebenen zu überarbeiten gilt; man kann auch Kommentare in die Kapitel einfügen, oder notieren, was einem an dieser oder jener bestehenden Passage gefällt oder nicht.

Wie mache ich bei meinem Professor oder meiner Professorin Eindruck mit meiner Arbeit?

Indem ich die Arbeit nicht für den Betreuer oder die Betreuerin schreibe, sondern meine eigene Stimme entwickle und meinen eigenen Gedanken folge.

David Mayer, Historiker mit Schwerpunkt lateinamerikanische Geschichte und Lehrbeauftragter für Geschichte an der Universität Wien. In seinen Lehrveranstaltungen versucht er die Themen „Schreiben“ und „Sprache“ großen Raum zu geben.

Buchtipps:

Joan Bolker, Writing Your Dissertation in Fifteen Minutes A Day.

Otto Kruse, Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium.

Für das Feilen am Text (nur in Bibliotheken erhältlich):

Nicolini, Maria: Sprache – Wissenschaft – Wirklichkeit. Zum Sprachgebrauch in inter- und transdisziplinärer Forschung, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Wien 2001.

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